Erinnerungen an die Jugendzeit
Wispenstein von 1939 - 1946
 August Justus

1939 – Mobilmachung
Der Kriegsbeginn kam nicht überraschend, die Wehrpflichtigen hatten schon vorher Auflagen, an welchem Mobilmachungstag sie sich zum Wehrdienst stellen mussten. In den folgenden Tagen fuhren viele Militärzüge mit Soldaten, Panzern, Kanonen, Kraftfahrzeuge u.a. durch Wispenstein. Viele Einwohner säumten die Bahnlinie und winkten den Soldaten zu und hofften, Angehörige oder Bekannte zu sehen. An Lokomotive und Kohlenwagen prangte der Slogan: „Räder müssen rollen für den Sieg“, oft mit Zusatz: „Kinderwagen für den nächsten Krieg.“

Im Krieg wurden noch Pferde an der Front eingesetzt. Auf dem Gutshof wurden in einigen Tagen über 600 Pferde aus der Umgebung „gemustert“, alle tauglichen Pferde wurden von der Kommission aufgekauft. Damals gab es mehr landwirtschaftliche Betriebe und kaum Trecker. Die Bauern ackerten danach mit Pferden, Ochsen und Kühen, auch gemischt.

Die Winter waren damals länger und kälter, oft einige Monate feste Schneedecke. Die vier Autos im Ort wurden im Winter abgemeldet, die Milchfuhren zur Molkerei wurden von den Bauern Buhmann und Schaper aus Imsen im Wechsel vorgenommen, deren Pferde hatten gehärtete Schraubstollen an den Hufeisen. Die Gutsherren fuhren in einem mit zwei Pferden bespannten Schlitten in die Stadt, die Pferde hatten ein herrliches Glockengeläut auf dem Rücken.

Wegen Lehrermangel wurden die Schulen zusammen gelegt, einige Klassen mussten nach Föhrste, die oberen Klassen in Meimerhausen zum Unterricht. Der Winter 1942/43 (Stalingrad) war extrem kalt. Wir mussten wegen Kohlenmangel nur einmal in der Woche zur Schule und bekamen Hausaufgaben mit bis zur nächsten Woche.

An der Kreisstraße Föhrste-Freden und Wispenstein-Delligsen waren die Apfelbäume fast alle erfroren. Um diese Bäume wurde in Höhe des Kronenansatzes eine dicke Kette geschlungen und der gesamte Baum mit Wurzeln von einer Dampfwalze der Firma Gropengießer umgerissen.

Die Lebensmittel (Brot, Butter, Zucker, Fleischwaren, Nährmittel) wurden zugeteilt, alle vier Wochen wurden von der Gemeindeverwaltung neue Lebensmittelkarten ausgegeben, es gab auch Kleiderkarten und in besonderen Fällen Bezugsscheine. In den meisten Haushalten wurden Geflügel, Schweine, Ziegen und Kaninchen gehalten. Kartoffelland wurde vom Gut ausgemessen und von den (auch Auswärtigen) Einwohnern rege genutzt. Sämtliche Straßen- und Bahnböschungen waren an Kleintierhalter verpachtet und stets gepflegt und sauber. Jeder Haushalt hatte einen Gemüsegarten.

Am 23. März 1944 fielen in Wispenstein sieben Sprengbomben beiderseits der Bahnlinie, dabei wurden zwei Wohnhäuser von Willy Kramp und Landwirt Heinrich Brodtmann völlig zerstört, die Mutter von Heinrich Brodtmann wurde aus dem Bombentrichter tot geborgen.

1943 kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Raum Eschweiler-Jülich. Später kamen weitere Evakuierte und Flüchtlinge aus dem Osten hinzu. Es hieß enger zusammen rücken; die Häuser waren total überfüllt, Zentralheizung, WC und Bad waren selten. Brennstoff war überwiegend Holz, dass sich die Einwohner mit Handwagen aus dem Wald holten. In der Nachkriegszeit wurde jeder Ast und Zweig verheizt, selbst die Stubben im Wald wurden gerodet, gespaltet und verfeuert. Ich erinnere mich an einen Vorfall im Gemeindebüro, eine Alleinerziehende Frau mit 3 kleinen Kindern klagte ihr Leid: „Herr Bürgermeister, ich habe kein Geld, ich habe kein Holz, was soll ich machen?“ Herr Kettler öffnete den Holzkasten vor dem Kachelofen und packte Terese den Arm voll Brennholz, nach einigen Minuten legte sie den Arm voll Holz auf den Schreibtisch ab.

Die Bucheckern wurden mühsam gesammelt und zu Speiseöl gemahlen. Täglich nach der Kartoffelernte wurden die Felder „gestoppelt“ um noch Knollen zu finden, auf den Getreidefeldern wurden nach der Ernte die abgebrochenen Ähren gesammelt, gereinigt und die Körner gegen Mehl getauscht, die gestoppelten oder vom Wagen gefallenen Zuckerrüben wurden gekocht und gepresst, aus dem Sirup wurde Rübensaft gekocht.

Zur Ernte kamen jeden Sommer und Herbst polnische oder italienische Landarbeiter. Die Getreidefelder wurden mit Selbstbinder gemäht und die Garben in Stiegen (20 Bunde) aufgestellt, zum Dreschen aufgeladen und zum Gut gefahren. Die Zuckerrüben wurde jede einzeln mit einem Griffel gerodet, auf Ackerwagen geladen und am Güterbahnhof in Alfeld in Waggons verladen zum Transport zur Zuckerrübenfabrik Gronau.

Der zweite Weltkrieg wurde an vielen Fronten geführt, die Fronten wurden vom Gegner durchbrochen und die Alliierten kamen immer näher. Anfang 1945 war der Zusammenbruch des Dritten Reiches abzusehen. In der Gemeinde wurde noch ein Volkssturm aufgestellt. Einige Wochen vor Kriegsende kam ein Offizier der Wehrmacht in das Gemeindebüro und gab Befehl, vor Einmarsch des Feindes Brücken (Eisenbahnbrücke bei Freden, Leinebrücke und Eisenbahnbrücke in Wispenstein, sowie die Mühlgrabenbrücken) zu sprengen, Sprengstoff und Panzerfäuste wurden angeliefert und beim Bürgermeister in der Garage gelagert. Der Befehl wurde nicht ausgeführt und der Sprengstoff in der Sandgrube an der Trift vergraben. So blieben die Brücken erhalten.

Im Rundfunk konnte man den Vormarsch der feindlichen Truppen verfolgen, vereinzelt wurden Straßensperren errichtet, indem man gefällte Bäume über die Fahrbahn stapelte. Der Einmarsch in Wispenstein erfolgte am 7. April 1945 über Nacht. Als wir am Sonntag morgen erwachten, stand die Hauptstraße voll mit Panzern, LKW und andere Kampffahrzeugen. Die amerikanischen Soldaten, teilweise auch dunkelfarbige, beschenkten die Kinder mit Schokolade. Mit den Amis wurden auch „Chewing Gum“ und „Corned beef“ hier populär. Ein Offizier im Jeep fragte mich nach dem „Mayor.“ Ich zeigte ihm das Haus des Bürgermeisters (wir standen genau davor). Hier wurde der Eingang über den Hof benutzt, die Soldaten sprangen über den Gartenzaun und gingen auf die hölzerne Veranda zu, Herr Kettler hatte wohl alles beobachtet und öffnete die sonst verschlossene Tür. Zur Begrüßung sagte Bürgermeister Kettler: „Gemeinde Wispenstein kampflos übergeben, Heil Hitler!“ Ein Soldat versetzte Herrn Kettler einen sanften Schlag in die Rippen, danach wurde die Telefonleitung gekappt. Am Dorfausgang kurz hinter Augustin wurde die Telefonleitung für alle Anschlüsse in Imsen und Wispenstein gekappt.

In der Schule wurde die Kommandantur eingerichtet; Lehrer Schneider musste räumen. In der Wohnung und dem Klassenzimmer hatten die Soldaten arg gehaust. In der Weide im Wispekamp war ein Hubschrauberlandeplatz angelegt, der rege genutzt wurde. Anfangs war für die Einwohner Ausgangssperre, die dann bis 18:00 Uhr, später bis 23:00 Uhr erweitert wurde. Die Besatzungszeit verlief friedlich und ohne wesentliche Zwischenfälle.

Später häuften sich die nächtlichen Einbrüche, oft waren ehemalige Fremdarbeiter beteiligt, die Gemeinde setzte „Nachtwächter“ ein, die nachts Streife im Ort gingen.

Nach Wiederaufnahme des Bahnverkehrs waren die Züge überfüllt, die Reisenden standen außen auf den Trittbrettern, zwischen den Zügen und hielten sich sogar auf dem Wagendächern fest.

Anfang Februar 1946 wurde der Ort vom bisher größten Hochwasser heimgesucht. Die Flutwelle war über Nacht gekommen und stand bis an die Hauptstraße. Die Tiere der Landwirte und des Gutes mussten in Sicherheit gebracht werden. In unserem ebenerdig gelegenen Haus stand der Herd unter Wasser, Ferkel, Ziege und ein Kalb waren auf dem Stallboden untergebracht, die Kuh war in Imsen bei Bauer Buhmann untergebracht. Von unserem kleinen Grundstück fuhren wir 32 Fuder (Wagen) Schlamm auf die Kuhmasch.

Viele Einwohner bauten nach dem Kriege Tabak im Garten an. Bis zu 50 Pflanzen waren steuerfrei.
Zur Schwarzmarktzeit und zur „Zigarettenwährung“ kann ich keine näheren Angaben machen.