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Es ist durchaus nachvollziehbar, dass die Herren der Ländereien in diesen Ansiedlungen zur Verarbeitung ihrer Feldfrüchte eine Mühle brauchten. In der Stadt Alfeld sind Mühlen erst nach 1300 urkundlich festgehalten. Außerdem bot sich im Hinblick auf kurze An- und Abfuhrwege die zwischen Imsen und Föhrste fließende Wispe für die Anlegung eines solchen Betriebes eher an. Das geschah lange vor dem Bau der Burg der Steinbergs und wird durch die folgende im „Urkundenbuch des Hochstifts Hildesheim und seiner Bischöfe“ aufgeführte Urkunde belegt: Der uns interessierende Satz dieser Besitzbestätigung des Bischofs Adelog für das Kloster Lamspringe aus dem Jahre 1178 besagt also:„Es hat auch noch die Kirche selbst am Fluss Neta (Nette) eine Mühle, eine in Illedis, eine in Cededis, zwei in Lermund, am Bach Wispe eine Mühle, vier Mühlen in Lamspringe.“ Es gibt natürlich aus jener Zeit und den folgenden Jahrhunderten keine Abbildungen dieser ersten Mühle an der Wispe, und sie wird nach den einfachsten baulichen Anfängen mehrfach umgebaut und verbessert worden sein. Es ist aber vorstellbar, dass sie zur Zeit der Erbauung der hölzernen Burg der Herren von Steinberg Ähnlichkeiten mit der Mühle auf diesem Bild gehabt haben kann. Zunächst einmal wird die Mühle direkt an der Wispe gestanden haben, wie die Urkunde sagt. Ein „unterschlächtiges“ Wasserrad wird sie angetrieben haben, d.h. das Rad wurde direkt vom fließenden Bachwasser bewegt. Das dürfte aber nicht lange so gewesen sein, denn der Rückstau bei Leinehochwasser ließ ja keinen Betrieb der Mühle mehr zu. Also wird man schon bald Wasser von der Wispe abgeleitet haben, um eine gleichmäßigere Wasserzufuhr zu ermöglichen und Störungen durch Hochwasser zu vermeiden. Ob das schon der spätere Mühlengraben war, ist nur zu vermuten. Damit wird man dann auch zum ,oberschlächtigen“ Antrieb des Wasserrades gekommen sein, der zwar technisch komplizierter zu verwirklichen ist, aber eine deutlich bessere Leistung erreicht. Um diese Phase der Wispensteiner Mühle anschaulich zu machen, ist ein Abstecher in die Mühlengeschichte und Mühlentechnik notwendig. Menschen und Mühlen - Ein
Streifzug durch die Geschichte Der Mensch nutzt Getreideprodukte als Nahrungsmittel seit etwa 10.000 Jahren. Körner wildwachsender Getreidearten wurden damals mit Mörsern zerkleinert. Die ältesten Reibsteinmühlen sind aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. aus Ägypten bekannt. Diese Handmühlen waren Grundlage und Vorläufer der bekanntesten Mühlenart bis ins 20. Jahrhundert hinein, der Steinmühle. In ihr wurde das uralte Prinzip der Drehmühle verwirklicht: Zwischen zwei Mühlsteinen wird zerrieben. Der untere Stein oder Bodenstein liegt fest; der obere Stein bewegt sich und heißt Läuferstein. In der Antike wurden auf diese Weise große Mühlen betrieben, deren Antrieb Sklaverei oder Tiere über Göpel, Treträder oder durch direkte Drehung des Läufersteins besorgten. Von der Spätantike an ersetzten zunehmend Wasserkraftmaschinen die menschliche Arbeitskraft bei immer mehr Verrichtungen und speziell in der Mühlentechnik. Dabei waren es zunächst die unterschlächtigen Wasserräder, die an den Fluss- und Bachläufen des römischen Reiches und des mittelalterlichen Europas die Mühlen in Gang hielten, denn die früheste sichere Erwähnung einer Wassermühle stammt aus dem 1.Jahrhundert v.Chr. Der am Hofe des Kaisers Augustus (31. v. Chr. bis 14 n. Chr.) lebende römische Ingenieur Vitruv erläuterte die Technik der Wassermühle in seinem Werk „architectura“: „Die Schaufeln des Wasserrades werden unten vom fließenden Wasser bewegt. Am anderen Ende der langen Wasserradwelle ist ein Kammrad (Zahnrad) montiert. Es dreht sich gleichmäßig mit dem Schaufelrade in derselben Richtung. Das Kammrad greift in den waagerecht drehenden Drilling ein. Dieser läuft in einer senkrechten Welle, an deren oberen Ende der Läuferstein des Mahlwerks befestigt ist. So zwingen die Zähne jenes an die Welle des Schaufelrades (Mühlrades) angefügten Zahnrades (Kammrades) dadurch, dass sie in die Zähne des waagerechten Zahnrades (Drilling) eingreifend dieses treiben, den Mühlstein zur Umdrehung; die über dieser Maschine hängende Gosse gibt den Mühlsteinen immer das Getreide zu, und durch dieselbe Umdrehung wird das Mehl gemahlen.“ Soweit die 2000 Jahre alte Schilderung von Vitruv. Diese Beschreibung ist deshalb so wichtig, weil wir erstaunt feststellen müssen, dass sich an der hier dargestellten Technik während des ganzen Mittelalters bis in die Neuzeit und bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein nur wenig geändert hat: der von einem vertikal gestellten Mühlrad über ein Zahnradwinkelgetriebe angetriebene Mahlgang war die allgemein übliche Form der Getreidemühle. Das Wasserrad wurde unterschlächtig getrieben, das heißt, der Wasserlauf floss unter dem Rad hindurch. Im 14. Jahrhundert gab es die ersten oberschlächtigen Wasserräder, die bei gleicher Radgröße und Wassermenge wenigstens doppelt soviel leisteten wie unterschlächtige und einen Wirkungsgrad von über 60 Prozent erreichten. Moderne Turbinen erreichen Wirkungsgrade von über 90 Prozent. Oberschlächtige Wasserräder werden weniger durch den Bewegungsimpuls als durch das Gewicht des Wassers angetrieben. Ihre Schaufeln, die sich immer zwischen zwei Radkränzen befinden, sind deshalb so konstruiert, dass sie das Wasser möglichst lange halten. Für den Betrieb oberschlächtiger Wasserräder war jedoch eine Menge komplizierter Wasserbauarbeiten nötig. In jedem Fall musste das Wasser aus seinem natürlichen Lauf durch einen Kanal abgeleitet werden. In Wispenstein war das der Mühlgraben. Dabei war zwischen der Kanalausleitung und dem Mühlenstandort eine Höhendifferenz von mehr als der Höhe des Wasserrades erforderlich. In Wispenstein begünstigte allerdings das Geländeprofil die Anlage der Zuleitung und der Mühle. Zum oberschlächtigen Mühlrad lief das Wasser durch hölzerne „Gerinne“, wobei Schützenwehre und Schieber die Wasserzufuhr genau dosierten. Anlagen mit mehreren Wasserrädern - wir werden später sehen, dass das in Wispenstein der Fall war - benötigten für jedes Rad solch eine Vorrichtung. Das ist zwar kompliziert, eröffnet für die Wassernutzung aber auch eine Vielzahl von Möglichkeiten. Größte Aufmerksamkeit schenkten die Mühlenbetreiber von jeher der Qualität der Mühlsteine. Von der Beschaffenheit der Steine hing die Mahlgüte ab. Schon die Römer wussten, dass sich nur wenige Steinsorten zu guten Mahlsteinen verarbeiten lassen. Diese Steine müssen eine große Härte besitzen, sich zugleich durch ein poröses Gefüge auszeichnen und trotzdem leicht bearbeiten (schärfen) lassen. Weltweit berühmt waren die französischen Steine. Dies galt vor allem von Steinen der Marne-Landschaft bei Paris. Die für den Transport zerlegten Mahlsteinteile wurden im jeweiligen Bestimmungsland von speziellen Mühlsteinfabrikanten mit Gips vereinigt und einem eisernen Reifen umgeben. Zuletzt wurden die Mahlflächen der Steine „geschärft“., damit die Körner während des Mahlvorganges nicht zerrissen werden. Auch das Schärfen - Einschlagen der Rillen - war eine spezielle Wissenschaft. Darüber werden wir im Bericht des Wispensteiner Müllerlehrlings Hasso Klabunde noch Ausführliches lesen. Ein gleichmäßiger Stein aus bester Quarzqualität, regelmäßig und gekonnt nachgeschärft, konnte bei einer täglichen Arbeitszeit von 15 Stunden etwa 35 Jahre lang dienen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Ende der wasserradgetriebenen, mit Mühlsteinen arbeitenden Mühle eingeläutet. Der sprunghaft angestiegene Brotbedarf in den Großstädten und die absehbare völlige Ausbeutung der wenigen geeigneten Steinbrüche ließ eine wirtschaftliche Mahltechnik immer notwendiger erscheinen. Da tauchte im richtigen Moment ein neues Mahlverfahren auf. Es war der Walzenstuhl, bei dem anstelle der Mühlsteine Walzen aus Hartguss oder speziellem Porzellan traten. Je nach gewünschter Mehlqualität konnte das Walzenpaar in einer anderen Geschwindigkeit laufen. Und an die Stelle des Wasserrades als Antriebskraft trat die Turbine. Diesem Prozess musste sich auch die Wispensteiner Mühle zu Beginn des 20. Jahrhunderts unterwerfen. Von jeher gab es neben der reinen Getreidemühle noch andere Mühlenarten, von denen hier nur die Ölmühlen und die Sägemühlen genannt sein sollen. Denn in der Wispensteiner Mühle waren diese drei Mühlenformen vereint und machten sie schon von daher zu einer Einzigartigkeit im Leinetal von Einbeck bis vor die Tore Hannovers. In den Ölmühlen wurden Nüsse, Bucheckern und ölhaltige Samen (Leinsamen, Mohnsamen, Raps) verarbeitet. Dabei gab es drei Arbeitsgänge: Mahlen, erhitzen und pressen. Das Mahlen war eher ein Reiben, denn in einem runden Steintrog lief der Kollerstein im Kreis, angetrieben vom Wasserrad, und walzte die ölhaltigen Früchte platt. An dem fertig geriebenen Pressbrei war von Öl noch keine Spur. Er kam nun in eine holzbefeuerte Steinpfanne. In ihr drehte sich, ebenfalls vom Rad getrieben, die Rührstange. Etwa eine Viertelstunde lang wurde der Brei erhitzt. Der erhitzte Pressbrei kam, in ein Tuch eingeschlagen, in den eichenen Presstrog. Dort wurde er mit mächtigen Keilen fixiert. Dann wuchteten die schweren Stampfstößel, angehoben von den Hebeln des sich drehenden Wellbaums, auf den Keil. Der sackte mit jedem Schlag einige Zentimeter ab, drückte mit Tonnenkraft auf das Pressgut, und das Öl begann zu tröpfeln und dann zu fließen. Nach dem Reiben, Erhitzen und Pressen blieben die festen Rückstände als „Ölkuchen“ zurück. Er konnte ein weiteres Mal die drei Arbeitsgänge durchlaufen und diente schließlich als Kraftfutter für das Vieh. So wurde in der Ölmühle in Wispenstein feines Speiseöl, Lampenöl für Haus und Stall, Bindemittel für Farben und auch Wagenschmiere hergestellt. Ölmühlen sind vom ursprünglichen Mühlenbegriff her eigentlich keine Mühlen, sondern Reiben oder Stampfen. Die zur Verarbeitung angelieferte Frucht wird ja nicht zermahlen wie die Körner zwischen den Mahlsteinen in der Getreidemühle. Und bei der Sägemühle schließlich, der dritten Mühlenform in Wispenstein, bezieht sich die Bezeichnung gar nicht mehr auf die Mahleinrichtung, sondern meint ausschließlich die Antriebsart. Befand sich die Ölmühle in Wispenstein im gleichen Gebäude wie die Getreidemahlgänge, so verlangte die Sägemühle ein eigenes Gebäude. Im Unterschied zu den beiden anderen Mühlenarten wird bei der Sägemühle die Drehbewegung des Mühlrades in eine lineare Bewegung umgewandelt. Anders als bei der hier abgebildeten Sägemühle verfügte die Wispensteiner nur über ein Sägeblatt, das zudem horizontal arbeitete, nicht vertikal. Damit sind wir am Ende dieses zum Verständnis der Zusammenhänge notwendigen Abstechers, der die vielschichtige Mühlengeschichte und Mühlentechnik allerdings nur unvollkommen darstellen konnte. Kehren wir nun zurück zur Geschichte der Wispensteiner Mühle nach ihrer ersten urkundlichen Erwähnung 1178. Getreidemühle - Ölmühle
- Sägemühle -und fünf Wasserräder Für Herstellung und Unterhalt der Mühle hatten die Grundherren aufzukommen, in unserem Fall also die v. Steinbergs. Das bedeutete dann, dass die Dienstpflichtigen Hand- und Spanndienste leisten mussten. Davon berichtet Wilhelm Büthe in der Föhrster Orts-Chronik: Um 1600 gehörte zu den „extraordinären Diensten“ der Föhrster Dienstpflichtigen „Flachsarbeit, Befestigungsarbeiten an der Burg, den Mühlengraben ausbringen, den Burggraben aufeisen usw.“ Daraus ist aber auch zu entnehmen, dass zu jener Zeit bereits die Wasserzufuhr zum Mühlenantrieb über den Mühlengraben erfolgte. Anders wären die oben erwähnten Wasserräder auch gar nicht zu betreiben gewesen. Der Grundherr hatte natürlich auch großes Interesse daran, dass seine Dienstpflichtigen ihr Korn auch in seiner Mühle gegen einen entsprechenden Mahllohn mahlen ließen. Das regelte der „Mühlbann“ Private Mühlen waren in Dörfern, die „zu einer Mühle gebannt“ waren, verboten. Wer gegen den Mühlbann verstieß, indem er einen Müller bevorzugte, der es ihm vielleicht billiger und besser machte, wurde mit Buße belegt. Vielfach durften die Bauern nicht einmal von Hand mahlen. Der Müller in solchen Bannmühlen wurde vom Grundherrn als Pächter eingesetzt und stand damit in einem engen und herausgehobenen Verhältnis zum Grundherrn. Die Bauern, die gezwungenermaßen bei ihm mahlen lassen mussten, fanden ihn wohl schon deshalb ziemlich unsympathisch. Außerdem verdächtigten sie ihn natürlich, beim Mehlauswiegen zu betrügen. Der Müller als Dieb und Mörder kommt in vielen Sprichwörtern und Gedichten vor. Für die Erhaltung der Wege zur Mühle waren auch die „Banngesessenen“ verpflichtet. Über die Breite des Mühlenweges gab es genaue Bestimmungen, z.B. soll er „in der Breiten sieben Schuhe“ haben. Oder es wird bestimmt: „Der Mühlenweg soll so breit sein, dass ein Mann eine Ladung Getreide auf seinem Pferd transportieren und rundherum gehen kann, dass er auf beiden Seiten ab- oder aufladen könnte“. Viehhaltung war dem Müller mancherorts ganz verboten (in Wispenstein nicht, wie wir später sehen werden), wahrscheinlich, um ihn nicht in Versuchung zu führen, Kleie und Frucht seiner Mahlgäste zu verfüttern. Die nächste Erwähnung der Wispensteiner Mühle datiert aus dem 3Ojährigen Krieg. Als im Jahre 1625 Wallensteins Söldnerheer von Göttingen kam und in Limmer Quartier bezog, nahmen sich die Soldaten in den umliegenden Orten, was sie brauchten. In einer Schadensaufrechnung nach ihrem Abzug lesen wir u.a.: „in der Mühle fehlten außerdem 6 Malter Mahlkorn ( Malter war ungefähr 150 kg). Gegen Ende des 17. Jahrhunderts finden wir Wispenstein auf einer Karte des Kreises Alfeld, erkennbar am Burgsitz zwischen Leine und Wispe und einigen weiteren Häusern. Und am Unterlauf der Wispe ist das Symbol für die Wassermühle eingetragen. Von nun an liegen dichtere Informationen über die Mühle vor, aufgrund der umfangreichen Dokumentensammlung im Brüggener Schlossarchiv von den Gütern der Herren von Steinberg. Ab 1722 gibt es Original-Pachtverträge, -Inventarverzeichnisse, -Schriftverkehr. In jenem Jahr wird Johann Friedrich Mollenhauer Pächter der Mühle in Wispenstein, und er wird es für 40 Jahre bis 1762 bleiben, denn der Gutsherr verlängert seinen Pachtvertrag alle sechs Jahre. In die Zeit Mollenhauers fällt somit auch der große Um-, Aus- und Neubau von 1759, der noch heute an der südlichen Giebelseite über dem ursprünglichen Mühleneingang mit der Inschrift „Ernst von Steinberg 1759“ dokumentiert ist. Die Bauskizzen auf den folgenden Seiten zeigen, dass ein moderner und technisch aufwendiger Mühlenbetrieb geschaffen wurde, der weit und breit so nicht zu finden war. Ob das Vorgängermühlengebäude komplett abgerissen oder zumindest in Teilbereichen übernommen wurde ist im Detail nicht festzustellen. Allerdings weist ein Eintrag auf einer Planskizze von 1756 darauf hin, dass die Außenabmessungen der beiden Mühlengebäude nahezu unverändert blieben: „Die Länge der Mahl-Mühle bleibet 64 Fuß. Anstatt dass die alte Mühle 37 1/2 Fuß breit ist, in Ermangelung des Raums vor den Mählkastens, mus die Neue Mühle 40 1/2 Fuß breit werden. - Die Sage-Mühle bleibet bey der länge und breite.“ Im Januar 1759 wird dann die Bauzeichnung
erstellt, nach der die neue Mühle errichtet wird. Die Frontansicht
des Hauptgebäudes ist im heutigen Bau noch wiederzufinden: Die beiden
Fensterzeilen mit je fünf Fenstern, die massigen Quader an den Hausecken.
Der Eingang in die Mühle befindet sich noch am Giebel, direkt unter
der mit Namen und Jahreszahl versehenen Steinplatte. Später kam er
ja in die Mitte der Längsseite.
Als 1762 der Mühlenpächter Mollenhauer nach 40jähriger Tätigkeit in den Ruhestand geht, stellt er für seinen Nachfolger Johann Justus Lüders ein detailliertes Inventarverzeichnis bei der Übergabe am 14. April auf. Aus der Fülle der Einzeldarstellungen sollen die folgenden wiedergegeben werden, da sie doch ein recht gutes Bild der damals gerade neu erstellten Mühle in Wispenstein zeigen. Actum Wispenstein, den 14ten April,
1762 Das Mühlengebäude Damit schließt dieser Übergabeakt, der der Beginn einer ständigen Aufwärtsentwicklung dieser großen, neuen Mühle einleitet. Wir werden dies an den baulichen Erweiterungen in den folgenden 150 Jahren erkennen können. Bis zum 1. Weltkrieg - 150 Jahre
moderne Mühlentechnik
„Geehrter Herr Naue! Der Umbau, den der Brüggener Rentmeister hier anspricht, ist der letzte in der Geschichte der Wispensteiner Mühle und macht das Gebäude zum wirklich überragenden im Dorf und der näheren Umgebung und bringt den Betrieb auf den technisch modernsten Stand der Zeit. Die beiden Bodenstockwerke werden voll in die Möglichkeit der maschinellen Nutzung mit einbezogen. Das wird erreicht, indem man das Satteldach abträgt, die Seitenwände als Vollstockwerke nach oben baut und ein Pultdach auflegt. Schon am 25. April 1912 fertigt die Braunschweiger Mühlenbauanstalt G. Luther die Bauskizze für die neue Mühle an. Der Vergleich der alten mit der neuen Giebelansicht zeigt die aufwendige Gebäudeveränderung. Durch den Umbau entstehen praktisch zwei neue komplette Stockwerke, die nach dem damals neuesten Stand der Mühlentechnik eingerichtet werden und im wesentlichen ohne Änderung bis zur Stillegung 1958 bestehen bleiben. Durch einen sicher auch finanziellen Kraftakt wird aus der großen Landmühle eine kleine Industriemühle. Im 1. Stock, ursprünglich Standort der drei Mahlgänge, sehen wir auf dem Längsschnitt nun neben zwei verbleibenden Mühlstein-Mahlgängen drei Walzenstühle, die ein hochwertiges Ausmahlergebnis garantieren. Das 2. Stockwerk darüber hat mehr Durchlaufcharakter, während im 3. Stockwerk (Obergeschoss) die für die Mahlvorbereitung erforderlichen zahlreichen neuen Maschinen installiert werden: Eine Getreide-Reinigungsmaschine mit Schüttelsieb, eine Universal-Reinigungsmaschine mit einer Schältrommel, einem Plansichter, einem Massenschlauchfilter für Druckluft , einem Saugschlauchfilter und einer Mehl-Mischmaschine, deren Gesamtanlage sich nach unten über alle Stockwerke am linken Rand der Skizze erstreckt. Gegenstück am rechten Rand ist der Getreidesilo, der im Erdgeschoss in einer automatischen Getreidewaage endet. Der Gebäudeausbau bringt außerdem im 2. und 3. Stockwerk je eine große Schüttfläche zur Nachtrocknung des angelieferten Getreides. Die Modernisierung der Wispensteiner Gutsmühle unter hohem finanziellem Einsatz zeigt die Bedeutung ihrer Stellung im Gesamtkomplex der v. Steinbergschen/v. Cramm'schen Güter und ist gleichzeitig eine Flucht nach vorn, denn mit der Industrialisierung hatte ein erstes Mühlensterben begonnen. Von 1882 bis 1907 war die Zahl der Kleinmühlen (bis 5 Personen) von 57.000 auf 44.000 gesunken, hatte sich also um über 20 Prozent verringert. Während bei den Mittelmühlen ( 6 - 50 Personen) ein Anstieg von 1600 auf 2000, also um rund 25 Prozent festgestellt wurde, hatte sich die Zahl der Großmühlen (über 50 Beschäftigte) von 33 auf 98 nahezu verdreifacht. Diese Tendenz sollte sich in der zukünftigen Zeit noch verstärken. Mühlenkrisen - Mühlensterben
- und das Ende nach 800 Jahren Und während des 2. Weltkrieges und danach kommt den Kleinmühlen sogar eine besondere Bedeutung zu. Die Großmühlen müssen Feierschichten fahren, weil die Getreidetransporte aus Übersee und anderen fernen Anbaugebieten nicht mehr ankommen; viele sind auch zerstört worden. So müssen die kleineren die Ausfälle übernehmen, denn sie haben außerdem auch in den bösesten Zeiten keine Probleme mit der Energieversorgung. Und die Kleinmühlen müssen auch den Leuten helfen. In Wispenstein ist in den Nachkriegsjahren mancher Beutel mit Mehl „nebenher“ gefüllt worden, wenn Notleidende danach fragten. Gleich nach Kriegsende, im Sommer 1945, ist es auch, als der Müllermeister Eduard Kernchen als gerade entlassener Soldat in Brüggen beim Gutsherrn Aschwin v. Cramm nach einer Anstellung fragt. Und der Zufall will es, dass der Wispensteiner Verwalter Fremdling schon das Ruhestandsalter erreicht hat, im Krieg aber noch die Mühle führen musste. So kann E. Kernchen nach dem Verlust seiner Mühle in Schlesien hier in Wispenstein gleich wieder seinem Beruf nachgehen und den Posten des Mühlenverwalters übernehmen. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass er der letzte Müller in der 8oojährigen Wispensteiner Mühlengeschichte sein wird. Er stellt nach einem Jahr im September 1946 einen Müllerlehrling ein, seinen Neffen Hasso Klabunde. Von diesem liegt ein detaillierter Bericht über seine Lehrzeit in Wispenstein vor, der die Arbeitswelt in der Mühle vor über 50 Jahren wieder aufleben lässt. Hasso Klabunde ist nach Beendigung seiner Lehrzeit in anderen Mühlen tätig und tritt später als Mühlenbau-Ingenieur in die Braunschweiger Firma MIAG ein, die Nachfolgefirma eben jener Mühlenbau-Anstalt G. Luther, die 1914 die Mühle in Wispenstein ausbaute und mit modernsten Maschinen einrichtete. In seiner Funktion bei der MIAG baute Klabunde dann in vielen Ländern der Erde Mühlen. Am 1. 9. 1946 unterschreibt seine Mutter seinen Lehrvertrag, in dem es u.a. heißt: „Der Herr Müllermeister Eduard Kernchen verpflichtet sich, dem Hasso Klabunde das Müller-Handwerk (Kunst, Gewerbe) so zu lehren, dass er dereinst sein Fortkommen dadurch begründen kann, und ihm auch alles mitzuteilen, was zum Müller-Handwerk (Kunst, Gewerbe) gehört. Die Beköstigung des Lehrlings während der Lehrzeit geschieht von dem Lehrmeister die Bekleidung desselben von der Mutter, für Schlafstelle sorgt der Lehrmeister und hat der Lehrmeister zu diesem Zwecke ein vollständiges Bett zu besorgen, welches nach beendeter Lehrzeit Eigentum des Lehrmeisters bleibt. Arbeiten des Gesindes sind dem Lehrling nicht zu übertragen und ist derselbe nur verpflichtet, häusliche und andere Verrichtungen, soweit es das Geschäft mit sich bringt, zu übernehmen. Der Lehrling muss sich bestreben, es nicht an Fleiß und Aufmerksamkeit fehlen zu lassen und ist verpflichtet, die Anordnungen und Unterweisungen des Lehrherrn, sowie der Gesellen zu befolgen, die ihm übertragene Arbeit nach seinen besten Kräften fleißig und mit Geschick auszuführen, sich stets so zu betragen, wie es einem gesitteten Menschen geziemt, dem Lehrherrn weder Nachteile noch Unannehmlichkeiten zu verschaffen, sowie sich auch der Verschwiegenheit über gewerbliche (Kunst) oder Familienverhältnisse zu befleißigen. Der Lehrling ist verpflichtet, seinem Lehrherrn, der während der Lehrzeit die Stelle des Vaters (Vormundes) vertritt, zu gehorchen und ergeben zu sein. Wie dem Vater (Vormund) steht dem Lehrherrn das Recht der Züchtigung zu, er darf dasselbe aber nur innerhalb der gesetzlichen Schranken ausüben; es ist aber auch seine Pflicht, den Lehrling zur Arbeit, Aufmerksamkeit und zu einem gesitteten Lebenswandel anzuhalten.“ In den folgenden „Erinnerungen eines Müllerlehrlings“ gibt Hasso Klabunde nun Einblicke in seine Arbeitswelt vor über 50 Jahren in Wispenstein, die in dieser Form heute kaum noch vorzufinden ist. „Am 1. 9. 1946 erhielt ich ein offizielles Schreiben meines Onkels Eduard, dass ich bei ihm die Lehre für das Mühlenhandwerk antreten kann. Also gab es nicht viel zu überlegen, froh über den Erhalt der Lehrstelle wurde eilig die Schulentlassung eingereicht. Da wir erst ein paar Monate zuvor als Vertriebene in den „Westen“ kamen, hatten wir nicht einmal einen Koffer übrig, und so fuhr ich - meine ganzen Habseligkeiten in einem Pappkarton - zu meiner Lehrstelle. Meine Mutter hatte nun einen Esser und eine Sorge weniger, denn sie konnte sicher sein, dass ich in der Mühle immer genug zu essen bekam. So bestimmten äußere Umstände meine Berufswahl; den Patenonkel als Lehrmeister und genug zu essen war wichtiger als weiter zur Schule zu gehen!. Gleich das erste Weihnachtsfest verbrachte ich fern von zu Hause, weil ich nach 3 Monaten noch keinen Urlaubsanspruch hatte. Auch im Sommer gab es wegen der Getreideernte (der Mühle war noch eine Lohndrescherei angeschlossen) keinen Urlaub. Erst Weihnachten 1947 als nun schon 15jähriger sah ich meine Mutter zum ersten Mal wieder. Zwischendurch profitierte meine Mutter aber auch durch meine Tätigkeit in der Mühle. Man durfte monatlich einmal ein Paket mit maximal 7 kg Gewicht schicken. Das tat ich denn auch, ich schickte offiziell meine Wäsche nach Hause, in Wirklichkeit enthielt das Paket genau 6,9 kg Mehl, sogar helles Mehl, das gar nicht zu kaufen war. Zum Schein musste das Paket dann mit Ballast wieder zurückgehen, damit die Post keinen Verdacht schöpfte, denn das war „Schwarzhandel“. Ausbildung, von der Pieke auf Da die Mahlwerkzeuge einem Verschleiß unterliegen, müssen sie von Zeit zu Zeit ersetzt bzw. geschärft werden. Walzen wurden alle ein bis zwei Jahre ausgewechselt und kamen in eine Riffelanstalt. Anders die Mühlsteine. Wenn sie stumpf sind, werden sie stillgesetzt, die Verkleidung abgenommen. Auf dem Foto ist vorn der verkleidete Mahlgang mit dem Einfülltrichter zu sehen. Der oben liegende Läuferstein wird von einem danebenstehenden, fest eingebauten Kran abgehoben, umgedreht und auf einem Bock abgelegt. Die Mahlflächen beider Steine liegen nun oben und werden mit Stahlpicken behauen. Zunächst werden die Luftfurchen entsprechend der Abnutzung vertieft. Das ist beim Schrotgang mit einem rauen Steinmaterial schon alles. Der Mahlgang hat je doch harte französische Mühlsteine aus Süßwasserquarz. Da müssen die Mahlflächen zwischen den Luftfurchen durch eine sog. Sprengschärfe aufgeraut werden, d.h. die glatten Flächen bekommen feine Rillen, die mit einer scharfgeschliffenen Stahlpicke im Liegen hineingehauen werden Das ist eine müllerische Handwerkskunst und muss lange geübt werden. Dabei springen manchmal kleine Splitter von der Picke ab und dringen in die Finger der vorn liegenden linken Hand ein, wo sie schwarze Pünktchen unter der Haut hinterlassen, die z.T. lebenslang verbleiben. Das war früher das Kennzeichen eines Müllers, bis die Mühlensteine nach dem 2. Weltkrieg ganz aus den Mühlen verschwanden. Zum Schutz der Augen musste eine Brille getragen werden. Der Transport der Lasten erfolgte mit einem Fahrstuhl. Er bestand aus einer ganz einfachen offenen Bühne von ca. 1 m in einem Schacht und war mit Türen versehen, die aus praktischen Gründen aber immer offen standen. Aufgehängt war der Fahrstuhl an einem Gurt, der an einer Winde aufgewickelt war. Die Winde wurde mit einem Gewicht auf eine Bremse gedrückt. Im Fahrstuhlschacht hing ein Steuerseil. Mit diesem Seil konnte man durch Ziehen die Bremse lösen, der Fahrstuhl glitt abwärts. Die Kunst bestand darin, das Seil während der Abwärtsfahrt im gleichen Tempo freizugeben. Ließ man das Seil zu schlaff, blieb der Fahrstuhl stehen; zog man zu stark, ging die Gurtrolle auf ein Gegenrad und der Fahrstuhl wurde nach oben gezogen. Die Winde wurde von der Transmission angetrieben, also von der Wasserkraft. Heute wäre der Personenverkehr mit so einem Fahrstuhl nicht mehr zulässig. Der Fahrstuhl wurde auch zum Hochziehen von Säcken benutzt. Das war sehr praktisch, wenn die Säcke auf dem Rücken weitergetragen werden mussten, z.B. oben zum Ausschütten von Getreide auf dem Schüttboden. Dann fuhr eine Person den Sack unten auf die Fahrstuhlbühne, oben zog der zweite Geselle den Sack hoch bis in Rückenhöhe und trug ihn zum Ausschütten aufs Flachlager. Getreidesäcke waren gewöhnlich 75 kg schwer, Mehlsäcke 100 kg. Man sagte aber nicht Doppelzentner, sondern einfach „Sack“. Sie waren eigentlich viel zu schwer zum Tragen, wurden deshalb später auch bald abgeschafft und nur noch 50-Kilo-Säcke verwendet. Im dritten Lehrjahr trug ich als l7jähriger zum ersten Mal einen „Zwei-Zentner-Sack“. Neben der eigentlichen Mühle erforderte auch die Wasserkraft einen hohen Bedienungsaufwand, denn die Turbinen hatten keinen automatischen Drehzahlregler. So musste die Drehzahl der Mühle ständig mit dem Wasserstand in Einklang gebracht werden. Bei fallendem Wasser lief die Mühle zu langsam und es mussten Betriebsteile, die nicht unbedingt erforderlich waren, stillgelegt werden, meist der Schrotgang oder die Reinigung. Wenn der die Wasserkraft unterstützende Elektromotor mitlief, regelte er die Drehzahl. Dann musste nur auf den Wasserstand geachtet und die Turbinen entsprechend geöffnet oder geschlossen werden. Viel Arbeit gab es draußen an den beiden Rechen während des Laubfalls im Herbst und bei Frost im Winter Auf dem Foto befindet sich vor dem Brettersteg der Grobrechen, am unteren Rand der Feinrechen kurz vor den Turbinen. Rechts vor der Brücke das Streichwehr, davor zwei Regulierungsschützen. Das Laub, wie auch Eisschollen, legten sich vor die Rechen und mussten ständig mit einer Harke abgenommen werden. Bei starkem Laubfall konnte man fast am Rechen stehen bleiben und ununterbrochen harken. Wenn der Rechen verstopft, staut das Wasser zum Streichwehr zurück und die Turbine läuft leer. Erwähnen muss ich noch die Sägemühle Sie hat wohl während der ganzen Kriegsjahre stillgestanden, wurde aber etwa 1948 wieder in Betrieb genommen, so dass ich auch das Sägen lernen konnte. Das horizontale Gatter hatte nur ein Sägeblatt und konnte immer nur ein Brett sägen. Nach jedem Brett lief der Wagen mit dem Baumstamm zurück und das nächste Brett musste neu eingestellt werden. Die Sägespäne fielen in den darunter befindlichen Keller und wurden als Brennstoff für einen ganz speziell gebauten Kanonenofen genutzt, der in unserem Müller-Aufenthaltsraum stand. Einen solchen Ofen habe ich später nie wieder gesehen. Die Mühle wurde von vier Personen bedient. Der Chef, Müllermeister Eduard Kernchen, kümmerte sich um das Kaufmännische, der Einkauf und Verkauf, während sich in der Mühle die beiden Gesellen Fritz Wille und Erich Glenewinkel in zwei Schichten von 6 - 18 Uhr und von 18 - 6 Uhr abwechselten. Ich kam als Lehrling dazu, meine Arbeitszeit war anfangs von 7 - 18 Uhr, samstags bis 13 Uhr. Im Urlaubs- oder Krankheitsfall machte der andere Geselle nur Nachtschicht und tagsüber sah der Meister nach der Mühle. Samstags bestand meine einzige Aufgabe darin, die Mühle von oben bis unten zu fegen. Gegen Ende des 2. Lehrjahres konnte ich die Mühle selbstständig fahren und wurde in Abwechslung mit den beiden Gesellen in den Schichtdienst eingeteilt. Das bedeutete jede 3. Woche Nachtschicht, aber keine Arbeitszeitverkürzung: Die beiden Gesellen waren nach wie vor 12 Stunden anwesend, Tag- und Spätschicht wurden überlappt, damit am Tage 2 Mann zur Verfügung standen. Sonntagvormittag erhielt ich vom Meister Extra-Unterrichtsstunden in Buchführung. Einmal wöchentlich nachmittags musste ich zur Berufsschule nach Alfeld. Da wir nur 3 - 4 Müllerlehrlinge waren, kamen wir in andere Berufsklassen, anfangs zu den Malern und Friseuren, später zu den Bäckern. So lernten wir von allerlei Berufen etwas, aber nichts von der Müllerei. Freizeit und Vergnügen waren knapp in dieser Zeit. Am 20.6.1948 erlebte ich die Währungsreform. Vorher gab es nichts für das Geld und hinterher hatte man zu wenig Geld. Die monatliche „Erziehungsbeihilfe“, die ich außer Kost und Wohnung erhielt, betrug im 2. Lehrjahr 6 RM und im 3. Lehrjahr 8 DM. Ein Kinobesuch oder eine Tafel Schokolade kosteten damals schon 1 DM. Mein Lehrmeister hatte aber manchmal Mitleid mit mir und ließ mir etwas Geld für Überstunden, Nachtschichtzulage oder ähnliches zukommen. So konnte ich mir bald ein Paar Schuhe und einen Anzug kaufen, denn bis dahin hatte ich als einzigen Sonntagsanzug den schwarzen von meiner Konfirmation. Er war von meiner Mutter aus mehreren unterschiedlichen Stoffresten zusammengenäht. An ein Fahrrad, das weit über 100 DM kostete, war noch lange nicht zu denken. Die 4 km bis zur Alfelder Berufsschule oder sonntags ins Kino nach Delligsen gingen wir immer zu Fuß. Der Sommer 1947 war lang und sehr heiß. Sonntags und auch nach Feierabend traf sich die Dorfjugend an der Leinebrücke nach Meimerhausen und badete in der Leine. Das Wasser war damals so klar, dass man den Grund sehen und gefahrlos von der Brücke hineinspringen konnte. Eine andere Freizeitbetätigung einmal wöchentlich war das Geräteturnen im Sportverein, sofern ich keine Spätschicht hatte. Im Sommer 1948 fand als Höhepunkt eines Vereinsfestes ein Schauturnen der Männer- und Jugendriege auf der Kuppe des Oberges statt, der damals an der höchsten Stelle eine kahle Fläche hatte. Am Abend war der Festball in der Feldscheune am Fuße des Oberges. Gut Wispenstein und die Mühle gehörten beide dem Freiherrn v. Cramm. Dieser veranstaltete alljährlich im Herbst ein Erntefest für die gesamte Belegschaft. Es gab zu essen und zu trinken und Musik spielte zum Tanz. Bei der Gelegenheit brachten ältere Mädchen mir die ersten Tanzschritte bei, die ich dann bei jüngeren anzuwenden versuchte. Beim letzten Fest 1949, an dem ich teilnahm, war auch der bekannte „Tennisbaron“ Gottfried von Cramm anwesend. Danach endete meine Lehrzeit und ich ging auf eine lange Wanderschaft, die - wie im Volkslied so schön besungen - ja des „Müllers Lust ist.“ Damit schließt dieser Bericht des einstigen Müllerlehrlings der Wispensteiner Mühle Hasso voller lebendigen Zeitkolorits ist und das letzte Jahrzehnt dieser Wassermühle an der Wispe einläutet. Das Mühlensterben Ende des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende aufgrund der Industrialisierung hatte die Mühle in Wispenstein durch modernen Ausbau überstanden. Damit war auch die Grundlage gelegt worden, den Verdrängungswettbewerb wegen zunehmender Überkapazitäten Ende der zwanziger Jahre zu meistern. Doch dem brutalen Existenzkampf der Mühlen in der freien Marktwirtschaft des erblühenden Wirtschaftswunders in der Mitte der fünfziger Jahre ist sie nicht mehr gewachsen. Der Geschäftsführer des Müllerbundes Max Friedrich Becker schildert die Lage in den Jahren nach der Währungsreform: „Der verzweifelte Existenzkampf der mittelständischen Mühlen spitzte sich immer mehr zu. Der Auszehrungsprozess machte erschreckende Fortschritte. Die Großmühlen untereinander führten auf dem Mehlmarkt einen immer hemmungsloser werdenden Kampf und zogen in diesen Strudel auch die Klein- und Mittelmühlen hinein. Das Bild war gekennzeichnet durch fortschreitende Überschuldung, Konkurse, Vergleiche, Betriebsstillegungen wegen Unrentabilität.“ 1948 gab es auf dem Gebiet der damaligen Bundesrepublik noch 16.550 Mühlen, deren Anzahl sich im Schnitt alle 10 Jahre halbierte, so dass heute nur noch wenige 100 existieren. 1952 lässt der Verwalter Eduard Kernchen noch eine neue Turbine in der Wispensteiner Mühle einbauen. Aber 1957 erlässt die Bundesregierung in Bonn ein erstes Mühlengesetz, das stillegungswilligen Mühlenbesitzern Prämien zusagt. Jede noch mahlende Mühle zahlt 20 Pfennig pro Doppelzentner in einen Fond, aus dem stillgelegte Mühlen entschädigt werden. Die Mühlenschließungen gehen also nicht auf Kosten des Staates, sonder werden von den größeren Mühlen bezahlt. Der Gutsherr Aschwin v. Cramm als Besitzer der Mühle nimmt das staatliche Angebot zur Stillegung an und so wird ab dem 1. Juli 1958 in der Wispensteiner Mühle nicht mehr gemahlen. Doch ein wenig Mühle bleibt noch vorhanden: Die Turbine als Nachfolgerin der einstigen fünf Wasserräder darf noch betrieben werden, und der Mühlengraben fließt noch bis 1975 durch das Dorf, trennt die Bereiche „Über dem Wasser“ und „Unter dem Wasser“, nimmt weiterhin die natürlichen und sonstigen Abfälle der Anlieger auf und trägt sie vor den Rechen an der Mühle. Und Müllermeister Eduard Kernchen will in „seiner“ Mühle weiterhin leben und kauft daher 1960 das Gebäude vom Gutsherrn. Erstmals ist das Haus nicht mehr in adeligem, sondern in privatem Besitz. Bis zum Oktober 1960 müssen aber sämtliche eingebauten Müllereimaschinen und Vorrichtungen ausgebaut werden mit „Ausnahme der vorhandenen Turbine“. So bestimmt es das Mühlenstillegungsgesetz. Die Turbine dreht sich noch 14 Jahre und erzeugt bis März 1974 Strom, der für ein geringes Entgelt in das Stromnetz eingespeist wird. Als dann alle Mühlenmaschinen herausgerissen sind, die Mühle als Mühle endgültig tot ist, werden die großen Räume in den drei Obergeschossen zur Unterbringung einer Hühnerfarm vermietet. Fast ein Jahrzehnt bis Februar 1971 kann man so noch von einer gewissen landwirtschaftlichen Nutzung sprechen. Im Juli 1971 verkauft Eduard Kernchen die Hühneraufzuchtsgeräte und Futterautomaten, im Dezember 1972 beantragt er die Löschung des Wasserrechts (Staurechts) für die Wispe, „da ich nicht in der Lage bin, die mit dem Wasserrecht verbundene Stauanlage auch künftig zu unterhalten, habe ich vorgesehen, den Mühlenobergraben wie auch den Mühlenuntergraben zu verfüllen und (soweit dieses möglich ist) an die Anlieger zu veräußern.“ Die Löschung des Wasserrechts erfolgt, der Verkauf geht aber nicht in der geplanten Form vonstatten, sondern im März 1974 kauft die noch selbständige politische Gemeinde Wispenstein den gesamten Mühlengraben. In den Folgejahren wird auch das letzte Erinnerungsstück der großen Wispensteiner Mühlengeschichte ausgestrichen: Die jetzt zuständige Stadt Alfeld lässt den Mühlengraben verfüllen und nutzt ihn teilweise zur Verbreiterung der heutigen Pappelstraße, teilweise zum Verkauf an die Anlieger, die so ihre Grundstücke etwas vergrößern können. Und als der letzte Wispensteiner Müller Eduard Kernchen das Mühlengebäude 1978 an einen Hannoveraner verkauft, der es zu Wohnungen umbauen lässt, endet die Wispensteiner Mühlengeschichte genau 800 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1178. In dieser Chronik soll sie zumindest in der Erinnerung erhalten bleiben. |