Wispenstein wird nach Osten hin von der Bahnlinie Hannover-Göttingen begrenzt, die inzwischen auf eine mehr als 150 jährige Geschichte zurückblickt.

Bereits im Jahre 1845 begannen die ersten Untersuchungen für die Trassenführung einer Eisenbahn von Hannover nach Kassel. Durchgeführt wurde sie von Offizieren der Armee des König von Hannover. Als günstigste Trasse wurde das Leinetal mit den Orten Hannover, Nordstemmen, Elze, Alfeld, Freden, Kreiensen mit vorläufigen Endpunkt Göttingen ausgewählt.

Da diese Trasse die Besitzverhältnisse nicht berücksichtigte, waren lange Verhandlungen mit den Eigentümern  der Grundstücke notwendig. Besonders schwierig war es, die Bahnüber- und -unterführungen festzulegen, da die Grundstücke und Felder durch die Gleise einfach zerschnitten wurden. Viele Brücken mussten eingeplant werden weil eine Unzahl von kleinen Bächen und Flüssen in die Leine mündet.

Mit dem Bau begonnen wurde 1847 und am 30.04.1853 fuhr der erste Zug von Hannover bis Alfeld unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Der Alfelder Bürgermeister begrüßte die Reisenden. Die ersten Fahrgäste nahmen dann in Alfeld an einem Bankett teil und machten danach  noch einen Ausflug in die Umgebung, bevor sie ihre Heimreise antraten.

Bereits ein Jahr später, am 2. August 1854 war die Strecke bis Göttingen fertig. Nachdem anfangs nur zwei Züge am Tag verkehrten wurde der Bahnverkehr in den Folgejahren erheblich ausgeweitet. 1906 fuhren bereits 62 Züge am Tag. Während der beiden Weltkriege herrschte ein reger Zugverkehr auf dieser Bahnlinie. Seit 1963 ist die Strecke elektrifiziert. Jetzt fahren mehr als 300 Züge am Tag meist mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 km/h. Dadurch und wegen der Verlegung von Betonschwellen hat sich der Lärmpegel deutlich erhöht.

Wie in Föhrste gab es anfangs eine Schranke, über die man in die Leinewiesen gelangte. Später wurde zwei Brücken gebaut. Die Fußgängerbrücke überquerte die Bahn in unmittelbarer Nähe der Blockstelle, die zweite 200 m weiter Richtung Föhrste. Über sie konnte man zur Heuernte zu den Leinewiesen gelangen. Zur Aufschüttung des Dammes wurde Erde benötigt. Dazu trug man den Hang ab, der vom Mühlenstieg Richtung Leine verläuft. Dazu kam es zu einem Grundstückstausch mit einigen Wispensteiner. Heute liegen die Grundstücke Siegers, Lemensieck, Käse, Pahlandt, Brodtmann, Twele und Augustin auf diesen dadurch entstandenen Flächen.
Am Ortsausgang Richtung Föhrste lag die Blockstelle Wispenstein (siehe Foto). Als Kinder konnten wir dort die geheimnisvolle Arbeit  des Blockwärters Strahlow beobachten, der große Hebel bewegte, um die Signale zu stellen. In seinem Dienstraum roch es nach Stahl und Öl. Manchmal hielt er eine Tafel mit Buchstaben- und  Zahlenkombinationen aus dem Fenster. Diese wurden dann durch den Lokführer durch einen Pfiff mit der Dampfpfeife quittiert. Kinder, die besonders neugierig waren erfuhren auch, welche Bewandtnis es mit dem Inhalt des roten Kastens hatte: Er enthielt Knallkörper, die auf die Schienen gelegt werden konnten. Damit konnte ein Zug im Notfall zum Halten gebracht werden.

Als besondere Mutprobe galt unter den Jungen, auf der Fußgängerbrücke stehen zu bleiben, wenn eine Dampflok kam. Bei manchen gab es leider zuhause ein Nachspiel, wenn das Gesicht und die Kleidung dabei schwarz geworden waren.

Von besonderer Tragik waren der Tod der Bahnwärterstochter Annemarie Heller, die 1955 14 Tage vor ihrer Konfirmation auf dem Heimweg von einem Zug erfasst wurde und die Eisenbahnkatastrophe am 09. Juni 1970, da dabei ein Junge aus Wispenstein ums Leben kam.

Carsten Lemensieck
Fotos H. Bohnsack, C. Lemensieck