
| Wenn in den
sechs Jahrzehnten nach 1760 in Wispenstein selbst auch nicht so viel geschah,
was hier erwähnt zu werden verdiente, so brachte in dieser Zeit die
Entwicklung in der großen Politik allerlei mit sich, das in der Folge
auch auf Wispenstein und seine Bewohner Einfluss haben sollte.
Es begann 1789 mit der großen
Revolution in Frankreich, die dort der Herrschaft der Fürsten und
Adligen ein Ende bereitete. Die deutschen Staaten, die darauf Frankreich
den Krieg erklärten und ihn einige Jahre lasch und sorglos führten,
wurden dann plötzlich von einem jungen französischen General
in mehreren Schlachten geschlagen; von Napoleon. 1801 kam es dahin, dass der deutsche Kaiser einen traurigen Frieden schließen
musste,
der ihn die linke Rheinseite kostete und zu dem sogenannten Reichsdeputationshauptschluss
führte, nach dem unter anderem die meisten geistlichen Fürstentümer
aufgelöst wurden. Das bedeutete auch das Ende des Bistums Hildesheim:
Es wurde ein Teil des Königreiches Preußen.
Die ganze Verwaltung wurde nun umgeworfen, die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz proklamiert. Alle Verpflichtungen gegen den Adel wurden aufgehoben. Die adligen Gerichte, wie es Wispenstein immer noch war, wurden aufgelöst. Aber die nun "freien" Untertanen durften dafür den Fremden so gehörige Steuern zahlen, dass sie sich über die neue Freiheit gar nicht freuten und die grundherrlichen Zeiten wieder zurücksehnten. Doch auch diese Jahre, die schlimme
"Franzosenzeit", gingen worüber. Anfang März 1812 kehrte die
Armee Napoleons geschlagen aus Russland zurück, die ersten preußischen
und russischen Streifkorps wurden bald danach in unserer Gegend erstmalig
wieder gesehen. Die Schlachten bei Leipzig (1813) und bei Waterloo (1815)
besiegelten das Schicksal Napoleons endgültig.
Genauere Daten über die Ablösungen in Wispenstein sind nur von der Familie Kettler bekannt. Der Regress zur Ablösung des Fruchtzehnten für die Familie datiert vom 30. Juli 1841. Die "Lehnsvettern" hatten 311 Taler und 11 Groschen als Ablösungssumme zu zahlen. 1836 erfolgte die Ablösung der Patrimonialgerichte durch neugebildete, staatliche Ämter. Wispenstein, seit langem mit Brüggen auch in dieser Hinsicht vereinigt, kam dabei an das Amt Alfeld. Wispenstein war nun die Möglichkeit gegeben, sich zu einem richtigen Dorf zu entwickeln. Gewerbetreibende siedelten sich an, einige Fabrikarbeiter ebenfalls. Doch blieb die Einwohnerzahl immer um 250 Personen. Die ältesten der Häuser, 'die heute noch in Wispenstein stehen, stammen aus dieser Zeit, nur das Haus des Schneiders Brodtmann wird schon um 1800 gebaut sein und das Lohmannsche Haus trägt die Jahreszahl 1812. Das Gutshaus wurde 1830 neu hergerichtet, nachdem das alte Gebäude schon vor 1790 durch eins aus Selterdolomit ersetzt wurde 1851 wurde die neue Südbahn, die von Hannover über Alfeld nach Göttingen |
führte
gebaut. Sie wurde bei Wispenstein westlich der Leine angelegt und verlief
vom Mühlenstieg bis zur südlichen Liethwiese durch die Ortsgemarken.
Der östliche Flügel des Gutsgebäudes musste abgerissen
werden, da der Eisenbahndamm dort aufgeschüttet wurde. Ein anderes
Bahnprojekt, das 1892 vermessen wurde und eine Eisenbahnlinie Alfeld-Delligsen
über Wispenstein plante, wurde nicht durchgeführt.
Hatte das Gut bis 1848 noch die Gemeindegeschäfte besorgt, so gab es in diesem Jahre einen Gemeindevorsteher im Dorf. Der erste, der das Amt bis 1859 innehatte, war Regenhardt. Von dem wird noch heute gesagt, er habe den Ausspruch getan: "Ich bin Bauermeister von Wispenstein". Die Herrschaft des Königs von Hannover dauerte bis 1866. In diesem Jahre brach der Krieg zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland aus, in dem Hannover auf Seiten Österreichs stand. Obwohl der blinde König Georg V. mit seiner hannoverschen Armee - aus Wispenstein waren Rott und Sander dabei - die Preußen bei Langensalza schlug, musste er doch vor der feindlichen Übermacht kapitulieren. Im darauffolgenden Frieden zu Nicolsburg wurde Hannover preußische Provinz. Aus den Kriegstagen von 1866 erzählt
die Chronik der Familie Kettler, dass man in Wispenstein die grimmigen
Preußen sehr fürchtete. Die wertvollsten Pferde "rettete" man
nach Mölmerhagen, während K. acht weitere nach Düsternthal
in Sicherheit bringen musste. Da aber die "Feinde" bereits in der
Gegend waren, fruchtete man tiefer in den Wald hinein und hielt sich 14
Tage lang mit den Tieren im sog. "Ahrensnest" auf. Vielleicht war das eine
übertriebene Vorsicht, denn die Preußen benahmen sich im allgemeinen
ganz manierlich, und die übrigen, zu Kriegsfuhren requirierten Pferde
kamen wohlbehalten zurück. Um diese Zeit wurde auf Gut Wispenstein
noch Bierbrauerei betrieben und K. musste bei seinen Bierfuhren nach
Brüggen am Schlagbaum bei Dehnsen jedes Mal pro Pferd 1 Gr. Heeresstraßengeld
bezahlen.
Da es sich im Jahre 1880 herausstellte, dass die Schule in Imsen für zwei Dörfer zu klein war, - es gab damals in Wispenstein 70 Kinder -, wurde im selben Jahr eine eigene Schule in Wispenstein eingerichtet. Als Schulraum musste vorläufig ein Raum im Wirtschaftsgebäude des Gutes dienen, der sog. "alte Krug", in dem die Knechte wohnten. Die Kosten zur Einrichtung dieses Raumes wurden von der Gemeinde Wispenstein bestritten, wie auch die Ausgaben für Lehrmittel usw. Der erste Lehrer hieß Louis Biester, ihm folgte 1884 Karl Meinecke, dann 1886 bis 1888 Friedrich-Wilhelm Engelke, 1888 für dreieinhalb Monate Otto Rieke und von 1889 bis 1900 Heinrich Schäfer. Aus diesem Jahrhundert wäre noch das Cholerajahr 1850 zu erwähnen, das verschiedene Todesopfer kostete, und die furchtbare Wassernot am 1. Juni 1886. Ein Wolkenbruch am Hils hatte zu den Vormittagsstunden unaufhörlichen Regen niederprasseln lassen. Erst um 61/2 Uhr hatte das ein Ende. Jedoch stieg das Wasser der Leine und Wispe über die Ufer und bis 8 Uhr so hoch, dass es in vielen Häusern unten durch die Fenster ging. Einige Ziegen und Ferkel ertranken; das meiste jedoch wurde gerettet. Der Gesamtschaden betrug etwa 1600 Mark. Um die Armen wenigstens etwas zu entschädigen, wurde eine Hauskollekte veranstaltet, die 50,75 Mark einbrachte. Auf einen Aufruf hin waren in Alfeld 272,- Mark zusammengekommen, die. unter 'die betroffenen Gemeinden Freden, Imsen und Wispenstein verteilt wurden. Dieser unheilvolle 1. Juni wurde
seither als Hagelfeiertag begangen. In der Landwirtschaft wurde nicht gearbeitet,
und es wurde ein Gottesdienst abgehalten.
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| Aus der Chronik von Herrmann Janson |